Innere Exploration
Wäre der Begriff des Multimediakünstlers nicht während der Neunzigerjahre etwas fahrlässig durch seine inflationäre Überanspruchung verschlissen worden, dann würde er wohl niemanden besser beschreiben als die in Berlin lebende Musikerin, Fotografin, Grafikerin und Filmemacherin Hanne Adam. Wie bei kaum einem anderen Künstler stehen ihre Werke in einem ständigen Dialog mit- und einer Reibung aneinander. Die daraus resultierende Spannung mussten wir genauer ergründen. Zur Mittagsstunde in Berlin. von Thomas L. Raukamp
Die Narbe zwischen dem ehemaligen Westteil von Berlin und seinem ärmeren östlichen siamesischen Zwilling, den man irgendwann einmal klinisch und recht unelegant von seinem ungeliebten Bruder getrennt hatte, sind heute auf den ersten Blick kaum noch wahrnehmbar. Der Schnitt ist zumindest optisch weitestgehend verheilt, nur für nach Erinnerungen haschenden Touristen zeichnet man ihn immer noch allzu gern nach nicht, ohne die Welt auch nachträglich in Gut und Böse, Gewinner und Verlierer zu trennen. Doch wer bereit ist, genauer hinzusehen, der findet besonders in den östlichen Stadtteilen verlassene Zeugen anderer Zeiten, die sich leise und nahezu unentdeckt der Interpretation durch allzu eifrige Geschichts- und Stadtführerschreiberlinge entzogen haben. Diese Räume zu finden und ihre verborgene Schönheit abzubilden, hat sich eine ganz genau beobachtende Szene gewidmet: Urban Exploration nennt sich eine Bewegung, die die Masse noch nicht erreicht hat und dies wohl auch nie tun wird. Der Begriff beschreibt eine ganz andere Art der Stadterkundung, weitab des Prunks, der herausgeputzten Putten und wiedererschaffenen Insignien der Macht, mit denen die Mächtigen der Gegenwart und der Vergangenheit schon immer diejenigen zu blenden verstanden, die es von jeher nicht gewohnt sind, nachzufragen. Teil dieser Bewegung ist die in Hamburg geborene Künstlerin Hanne Adam, die zusammen mit ihrer „Partnerin in Crime“ Tanja Dovens stunden- und tagelang durch verlassene Industrieruinen, Büros, Kliniken und Katakomben ziehen kann, um genau die Ästhetik und Romantik jener Orte zu finden, die erst der verdeckende, ruhige Atem der Zeit erschafft.
Surreale Schönheiten
„Urbane Exploration ist eine Kunst, die sich selbst erschafft“, versucht Hanne Adam ihre Passion in Worte zu fassen, und Berlin bietet viele Plätze, um das jeweilige Zwischenstadium, die Momentaufnahme dieser Kunst immer wieder neu zu betrachten. Gerade diese Sucht nach einer historischen, aber dabei höchst authentischen Atmosphäre war es auch, die Hanne vor einigen Jahren aus der reichen Hansestadt Hamburg in eine Metropole umsiedeln ließ, die bei jeder Gelegenheit darauf hinzuweisen pflegt, dass sie sich wieder einmal zur Hauptstadt gemausert hat. Doch des Kaisers neue Kleider sind höchstens gepumpt, und das weiß auch Hanne Adam: „Berlin ist ja im Gegensatz zu Hamburg eher arm, versucht aber laufend Dinge zu machen, die aus diesem Grunde gar nicht zu der Stadt passen und sie gar nicht widerspiegeln“, resümiert sie ihre ersten Jahre in Berlin. Und so entstehen gerade im Osten ständig neue Appartments, Eigentumswohnungen, Wohlfühl- und Shoppingzentren für eine begüterte Minderheit, die nur allzu bereitwillig verwischt, was hier einmal anders war oder sein sollte und teilweise noch ist. Damit eine anderslautende Realität aber nicht gänzlich in Vergessenheit gerät, bilden Hanne Adam und Tanja Dovens sie ab: „Es geht uns darum, die Geschichte einzelner Räume festzuhalten, ihren Ist-Zustand. Denn das, was ist, ist ästhetisch und schön und nicht das, was man daraus vielleicht erschaffen will.“ Fast ist es, als beschützten die Künstlerinnen Orte wie ans Herz gewachsene Freunde, eine seltene Spezies, deren Untergang jedoch längst unaufhaltsam ist: „Tatsächlich haben wir schon einige Tränen um einige Räume vergossen, die von ehrgeizigen Architekten schließlich ihrer Schönheit beraubt wurden“.
Bestandsaufnahme
Kunst ist immer auch etwas Statisches, eine ständige Bestandsaufnahme des Augenblicks egal, ob es sich dabei um grafisches oder musisches Engagement handelt. Und genau darum geht es auch in der Musik von Hanne Adam: Deutet schon der Name des mit Dovens zusammen gepflegten Multimediaprojekts EXurban die bewusste Nähe zur Urban Exploration an, so bezieht auch ihr langjähriges Soloprojekt Adamned.age seine kreative Energie aus eben den Fotos, die die Künstlerin auf ihren Streifzügen mit nach Hause nimmt: „EXurban basiert fast immer auf der Betrachtung von Fotos“, so Adam, „wir nehmen aber aus den Gebäuden und von den Orten, die wir besuchen, nicht nur die Bilder selbst, sondern auch sehr starke Gefühle mit. Wenn wir die Fotos später betrachten, stellt sich dieses Gefühl wieder ein, und wir wissen oft schon ganz genau, wie die Musik, die darauf basiert, klingen muss.“ Es geht also tatsächlich um die lautmalerische Umsetzung von Bildern in Klänge und Töne. Hanne Adam bringt es so auf den Punkt: „Wir hören praktisch Bilder“. Die musikalische Leinwand ihrer Arbeit stellt dabei der Computer dar. Mit 6 Jahren fing Hanne Adam an, Klavier zu lernen die Begeisterung ließ jedoch auf sich warten: „Ich habe damals schnell gelernt, dass dies letztlich nicht mein Instrument ist“, erinnert sie sich heute. Ihr von der inneren Haltung bestimmter damaliger Lebensweg verlangte nach lauteren Ausdrucksweisen: Während der Schule begeisterte sie sich für den offen rebellischen Anspruch des Punks, erlernte das Schlagzeugspielen und zog mit verschiedenen Bands durch die Clubs der Hamburger Szene. Doch die gewollt monotone Herangehensweise der Musikrichtung konnte sie nicht auf ewig festhalten: „Ich kam später zum Crossover, wobei ich meine Musik mit Hip-Hop mischte“, erinnert sie sich in unserem Gespräch. Schon damals lief es jedoch auf einen musikalischen Alleingang hinaus: Die gelernte Kommunikationsdesignerin kaufte sich ein Achtspurgerät, spielte mittlerweile auch Gitarre und Bass und hielt ihre eigene Musik mit der heute spartanisch anmutenden Technik fest. Vielleicht ist es auch dieser dadurch erlernte Minimalismus und die Erfahrung aus klassisch aufgestellten Rockbands, die sie bei ihrer Arbeit an dem von ihr seit 1996 als Musikplattform eingesetzten Computer daran hinderte, ob der neuen Möglichkeiten in einer Gigantomanie zu versinken, die viele ihrer elektronischen Kollegen besonders in den Neunzigern überfiel. Denn bei der elektronischen Musik war Hanne Adam mittlerweile voll angekommen: „Ich erinnere mich noch genau an die damaligen Beschränkungen“, erzählt sie heute lachend, „ich musste zum Beispiel ganze Festplatten zu Freunden schleppen, die mir aus meinen Stücken eine CD brannten“.
Düstere Reaktoren in fruchtigen Loops
In der Wahl ihres musikalischen Rüstzeugs ist die Wahlberlinerin erstaunlich uneitel: Seitdem das belgische Unternehmen Image- Line 1998 die erste Version der Produktionssuite Fruity Loops auf den Markt brachte, blieb Hanne Adam dem besonders in den Anfangsjahren belächelten Werkzeug, das später in das weitaus seriöser klingende FL Studio umgetauft wurde, treu: „Viele Leute, die meine Musik zum ersten Mal hören, mögen gar nicht glauben, dass ich sie komplett mit FL Studio erstellt habe“, schmunzelt sie, „man erwartet immer gleichsam ‚wichtigere‘ Applikationen wie Cubase, Logic oder heute eben Live. Ich habe alle diese Programme nacheinander getestet, bin aber immer wieder bei Fruity Loops beziehungsweise FL Studio hängengeblieben. Es ist dasselbe, wie beim Grafikdesign ich seit jeher mit Photoshop und anderen Adobe-Programmen man verlässt sich halt gern auf das, was man in- und auswendig kennt.“ Auf die internen Synthesizer von FL Studio greift sie jedoch kaum zurück, auch wenn diese von mittlerweile anerkannt hoher Qualität sind: „Mein Lieblingsspielzeug ist ganz klar Reaktor“, konstatiert Adam, „aber auch die anderen Instrumente und Effekte von Native Instruments sind mir generell am liebsten. Reaktor gewährt unglaublich viel Raum für kreative Experimente, den ich gern nutze“. Auch das dunkle, oft kühle Sounddesign ihrer Alben bringt sie direkt mit dem NI-Werkzeug in Verbindung: „Reaktor besitzt an sich ja bereits einen sehr krassen Ansatz und kann durchaus sehr ‚noisy‘ werden. Viele Klänge sind von vornherein schon sehr dunkel, und dieses Düstere sagt mir auch ausgesprochen zu, darin finde ich mich wieder.“ Tatsächlich beschäftigt sich Hanne Adam derzeit primär mit dem Sounddesign: „Es braucht gar nicht immer kompletter Kompositionen, um etwas auszusagen“, lautet ihre Einschätzung, „Flächen, komplexe Soundscapes reichen oft schon aus, um bestimmte Spannungen zu erzeugen“. Es sind diese Skizzen, mit denen sie dann später weiterarbeitet, um sie zu kompletten Stücken zusammenzufügen. Dabei ist ihre Herangehensweise nicht besonders kopflastig, auch wenn die anspruchsvollen Kompositionen von Adamned.age dies oft vermuten lassen:
„Ich bin nicht besonders theoretisch, was meine Musik angeht“, bekennt sie bereitwillig, „ich komme eher vom reinen Empfinden. Ich könnte dir zum Beispiel häufig gar nicht sagen, wie ich zu bestimmten Songteilen gekommen bin, wenn ich meine Musik später höre“.
Ähnlich wie in ihrer fotografischen Arbeit geht es also auch in ihrer Arbeit um das Festhalten des Moments, einen emotionalen Tagebucheintrag: „Ich habe eigentlich nie eine Melodie im Kopf, wenn ich mich an den Computer setze, um Musik zu schreiben“, so Adam, „diese entstehen erst beim Experimentieren.“ Musik als Sprache Elektronische Musik, die nicht auf Hitparaden und Radioeinsätze schielt, ist im gewissen Sinne immer ein Experiment, ein beständiges Ausloten des Möglichen, ein Messen der eigenen Fertigkeiten mit den technischen Gegebenheiten, ein Buhlen um die Freigebigkeit der Maschine. Besonders Sounddesigner stehen hier immer wieder vor der Herausforderung, der Welt Klänge zu offenbaren, die sie so noch nicht gehört hat, einer Neugenesis des Klangs. Doch für Hanne Adam nimmt die Erschaffung dieser Welten weitaus praktischere, wenngleich nicht weniger transzendente Funktionen ein: Klänge und Musik gelten für sie als Sprache. Nicht umsonst findet sich auf ihrer MySpace-Präsenz ein Zitat des französischen Schriftstellers Victor Hugo, der es in seinen Werken verstand, Romantik und Realismus zusammenzuführen: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann, und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ Hanne Adams Empfinden ist darin perfekt ausgedrückt: „Ganz klar, Musik ist für mich eine Sprache für Dinge, die ich anders nicht formulieren kann.“ Diese Sprachlosigkeit hat zum Teil traumatische Gründe: „Für viele Dinge in meinem Leben hatte ich lange Zeit keine Worte. Musik war daher meine einzige Möglichkeit zu sprechen, sie hielt mich wortwörtlich im Leben, wenn ich nicht mehr weiter wusste.“ Es wäre wohl kaum eine Überraschung, zu sehen, wie viele Künstler diesen Ansatz nachvollziehen können, immerhin ist es wohl gerade der Zweck zumindest der abstrakten Kunst, Gefühle und Eindrücke zu kommunizieren, die für die gewöhnliche Sprache zu komplex wären, um verbal ausgedrückt zu werden und die sich teilweise gänzlich dem direkten menschlichen Erfahren entziehen. Musik als Spiegel für den emotionalen Supermarkt der Tage, das ist nichts Neues. Doch bei Hanne Adam kommt eine weitere sehr greifbare Dimension hinzu, die ihre gesamte künstlerische, jedoch ganz besonders ihre musikalische Arbeit geradezu machiavellistisch bestimmt: Seit Jahren schon kämpft sie einen Kampf mit einer Krankheit, der sie im alltäglichen Leben nur schwer entrinnen kann, und die mit ihren giftigen Sporen fast jeden ihrer Schritte begleitet und teilweise sogar fast ertränkt. Es gibt Tage, in denen dieser körperliche Schmerz gänzlich die Überhand gewinnt, sich wie ein dunkler Dämon in Mark, Bein und irgendwann auch Seele frisst, um mit der Wirkung starker besänftigender Medikamente höchstens schwindelig gespielt zu werden, bis er müde einschläft aber nicht, um seinen Träger mit sich in die Tiefe zu reißen. Die Musik dient in diesem Fall als Wunder fernab jeglichem Kokolores Lourd‘scher Glückseligkeit und hilft Hanne dem Schmerz jedenfalls vorübergehend zu entfliehen: „Es klingt verrückt, aber durch die Musik und das Sounddesign kann ich ganz konkret körperlichen Schmerz vergessen“, erzählt sie, „ich gehe dann völlig in meiner Arbeit an den Klängen auf“. Beschreibungen ihrer Wirklichkeit bleiben die Alben von Adamned.age trotz dieser vorübergehenden Flucht: Die Klanggestaltung ist kühl und weitab von den sirupdicken Flächenbrandungen, in die andere Ambient und Downtempo-Musiker ihre Stücke oft untertauchen. Und trotzdem weisen die Kompositionen ihrer nunmehr sieben Veröffentlichungen den Hörer nicht ab, bleibt die persönliche Gegenwartsaufnahme kein individuelles abstraktes Kopfkino, in dem sich nur der Künstler selbst zurechtfinden kann. Im Gegenteil: Geradezu hypnotisch wirken viele Sequenzen, durchaus melodisch nehmen sie ihren Zuhörer mit, ohne ihm vorzuschreiben, was er zu empfinden hat: „Ich weiß gar nicht, ob Menschen, die meine Musik hören, wirklich erahnen, aus welchen Gefühlen heraus sie entstanden ist“, gibt Adam zu bedenken, „im Endeffekt ist das auch egal“. Zwar ist ihre Musik nicht im engeren Sinne als minimalistisch zu bezeichnen, von klarer Struktur ist sie aber trotzdem. Zu den ambientischen Kompositionen gesellen sich besonders auf ihrem aktuellen Album „Whiteout“, das bei dem spanischen Netlabel „PublicSpaces Lab“ erschien, auch immer wieder Elemente, die dem Trip-Hop entlehnt sind. Besonders dann merkt man Hanne Adam auch an, dass sie eine Ausbildung als Schlagzeugerin genossen hat und das Instrument auch jahrelang unterrichtete: Die Drums und Percussions wirken niemals statisch oder gar programmiert, obwohl die Musikerin längst nicht mehr selbst spielt, sondern auch in dieser Hinsicht ausschließlich auf synthetische Herangehensweisen vertraut. Ihr eigenes Musikprojekt schlägt auch die Brücke zu ihrer Arbeit an digitalen Collagen, in der Sie Grafiken und Fotos zusammenführt: „Collagen sind das genaue Gegenteil zu meinen Fotos“, erläutert sie, „in der Fotografie hege ich meine Vorliebe für minimale Strukturen, für klare und helle Formen. In meinen Collagen eröffne ich mir überall Ecken und Ebenen, in denen ich lassen kann, was gerade in mir steckt“. Ein blendendes Beispiel dafür ist zum Beispiel ihr Werk „Überlebensmaschinerie“ (siehe Seite 18), das die Künstlerin selbst scheinbar ausgeliefert an einen schwer arbeitenden Mechanismus zeigt. Begleitet wird die Collage von dem gleichnamigen Gedicht, das auf der Webseite von Adamned.age abgebildet ist.
Kreatives Gemeingut
So viel Output will atmen und zur Welt kommen, und die Creative-Commons-Bewegung bietet dafür eine optimale Projektionsfläche: „Ich möchte, dass meine Musik gehört wird“, so Adam, „und ein Netlabel ist damit für mich ein Mittel zum Zweck.“ Tatsächlich sieht sie sich damit auch als Teil einer weltweiten Bewegung, die den Gegenstand und seine Aussage wieder wichtiger macht als sein kommerzielles Potenzial: „Die Creative-Commons-Bewegung hat bereits heute einen höheren Stellenwert, als ihr gemeinhin zugestanden wird“, erläutert sie ihre Einschätzung, „auch meine Grafiken habe ich oft so verteilt.“ Enttäuscht wurde sie dabei noch nicht: „Die Leute sind immer fair damit umgegangen und haben mich zitiert, wenn sie meine Arbeit weiterverwendet haben.“
Das Süße im Schmerz
Bleibt die Frage nach dem Bösen im Leben, das sich irgendwann auch als etwas Gutes darstellt, auch wenn man es für den Rest des Lebens hassen wird. Schmerz ist ein dumpfer Hammer, der seinen Träger mit jedem Schlag zertrümmert, Stück für Stück porös klopft und droht, erst dann sein höhnisches Spiel zu beenden, wenn dessen eigene Substanz nicht mehr trägt. Und doch ist es gerade dieses ständige Dröhnen, das Hanne Adam erfolgreich nach den Fluchtpunkten suchen lässt, in denen ihr kreatives Schaffen wächst eine Art urbane Exploration des innersten Wesens, dessen Räume nur dem ihre Schönheit offenbaren, der die steifen, aber blühenden Ranken auf ihrer schroffen Oberfläche nicht zu verändern, sondern zu lieben sucht. Hanne Adam hat den Blick dafür...

